24 Stunden ohne Smartphone – ein unfreiwilliges Experiment

24 Stunden ohne Smartphone – ein unfreiwilliges Experiment

Könnten Sie 24 Stunden auf Ihr Smartphone verzichten?

 

Am vergangenen Sonntag passierte das, wovor es jedem Smartphonebesitzer graut – mein wunder-, wunderschönes iPhone entglitt meinen Händen und landete auf dem Steinboden. Und so, wie es in dramatischen Filmszenen Gang und Gebe ist, geschah auch dieser Moment für mich wie in Zeitlupe: In dem Moment, als dieses heißgeliebte Stück Technik auf dem Boden aufkam, sah ich das Display -wie beim Betreten einer millimeterdünnen Eisschicht- knirschend zersplittern.

Mein Atem stockte und mir wurde schlagartig übel. Wie das Kaninchen vor der Schlange starrte ich das Smartphone mit der „Broken App“ ungläubig an. Der Sonntag war auf jeden Fall für mich gelaufen – nicht mal ein gutes Glas Rotwein, gaaaanz viel Schokolade und ein kitschiger Mädchenfilm würden das retten können.

Als ich dann am Montag hilfesuchend bei meinem Mobilfunkanbieter im Shop auflief, wurde ich darauf hingewiesen, dass man mir nur mit einer Zusatzversicherung hätte helfen können. „Bei Apple können Sie das Gerät gegen ein neues, gleichwertiges Gerät tauschen – liegt bei ca. 300,00 €. Sie können ja bei Freunden ein wenig mit den Augen klimpern, ob diese das Missgeschick über ihre Haftpflicht laufen lassen…“, zwinkerte mir die Mitarbeiterin zu. What?! Jaaaa…. öhm… NEIN!? Also machte ich mir einen Termin in der Genius Bar im Apple Store Oberhausen für den kommenden Mittwochabend.

Völlig frustriert zockelte ich nach Hause. Bei jedem Blick auf den zersplitterten Display bekam ich seit Sonntag furchtbar schlechte Laune. Ein weiterer Abend mit einem Glas Rotwein, Schokolade und einem kitschigen Mädchenfilm wurde eingeleitet – mein armer Mann hatte resigniert und saß den zweiten Abend apathisch neben mir vor dem Fernseher, während ich mich monoton mit Schokolade vollstopfte und mir eine Cinderella-Verfilmung ansah.

Zwei Tage später war es dann endlich soweit. Ich hatte mich schon mit dem Gedanken, 300,00 € für meine Blödheit bezahlen zu müssen, mehr oder weniger abgefunden. Als sich dann endlich einer der Apple-Experten meiner annahm, hielt ich ihm das iPhone mit dem zersprungenen Display vor die Nase. „Mhm, wo ist denn dein Problem…?“, murmelte er geistesabwesend, während er abwechselnd auf mein iPhone und dann auf sein iPad schaute. „Raten Sie mal!“, grinste ich ihn zynisch an. Er hob eine Augenbraue, untersuchte das iPhone und tadelte mich, weil mein letztes Backup im Dezember stattgefunden hatte (Ähhh… jaaa, ok!!). Am Ende erklärte er freudig überrascht, dass nur das Glas gebrochen war – für ca. 110,00 € sei dieses reparabel, und ich könne das iPhone am nächsten Tag wieder abholen!

Dann ging alles ganz schnell: panisch tippte ich in meinen Whatsapp-Status „Handy in der Reparatur“ und postete bei Facebook „24 Stunden nicht erreichbar – Handy in der Reparatur!“, gab dem Apple-Experten meinen Entsperrcode und das iPhone. WUMS. 24 Stunden ohne mein heißgeliebtes Smartphone. Diese Entscheidung ging jetzt so schnell, das ich gar keine Zeit hatte, über die fatalen Konsequenzen nachzudenken.

Es ist ja nicht so, als sei ich ein Whatsapp-Junkie oder jemand, der regelmäßig etwas auf seinem Facebook-Account postet – ich bin da eher der stille Beobachter, der grinsend vor dem Smartphone sitzt und sich über die Menschen beömmelt, die Facebook mit einem Tagebuch verwechseln.

Aber es gibt so viele andere wichtige Funkionen, die ich ständig nutze, ja – ohne die ich mich gänzlich hilflos fühle!

  • Woher weiß ich unterwegs, wie spät es ist (ich bin kein Armbanduhrenträger!)?
  • Mein morgendlicher Wecker mit meinem Lieblingssong – wie kann ich darauf bloß verzichten?
  • „Hey Siri… wie wird das Wetter heute in Essen?!“ – Jeden Morgen frage ich das, während ich völlig ratlos vor meinem Kleiderschrank stehe.
  • Womit beschäftige ich mich, wenn ich im heimischen Büro -welches von meinem Mann und mir zum einzigen „Raucherzimmer“ im Hause erklärt wurde- eine Zigarette rauchen gehe?
  • „…ich google das mal eben…“ – Pustekuchen, das fällt jetzt auch für 24 Stunden flach.

Selbst das Navi auf dem iPhone ist für mich und meinen verkrüppelten Orientierungssinn ein ständiger Begleiter gewesen – Gott sei Dank hab ich noch ein Navi in Reserve!

Als ich gestern Abend dann nach dem Besuch im Apple Store noch eine kleine Shoppingtour eingelegt hatte und etwas später mit einigen Einkaufstüten und jeder Menge Shopping-Endorphine im Körper nach Hause kam, wurde ich von meinem Mann gefragt, ob ich wüsste, wie spät es sei (Mensch, wir hatten noch nicht mal 21:00 Uhr!) und ob ich mich nicht hätte melden können. Grmpf. „Ist die Brieftaube etwa noch nicht angekommen?!“, säuselte ich, zwinkerte ihm zu und schob mich mit meinen Errungenschaften und einem zuckersüßen Lächeln an ihm vorbei.

Vor dem Schlafen gehen stand ich dann ratlos neben dem Bett – sonst spiele ich zum „Müde-werden“ immer ein Mini-Game, dass ich als App auf mein Smartphone geladen hatte. Was mach ich denn nun? Aber wir sind ja nicht von Vorgestern! Kurzerhand buddelte ich meinen alten Gameboy Color aus, steckte Tetris ein und muckelte mich ins Bettchen.

Mittlerweile sind 16 Stunden vergangen und ich muss sagen: Soooo sehr fehlt mir das iPhone dann doch nicht. Von den 16 Stunden habe ich mich 1 Stunde mit Shopping, 1 Stunde mit der Heimfahrt, 8,5 Stunden mit Schlafen (JA – Ich brauche all den Schlaf!! 😀 ) und mittlerweile 2,5 Stunden mit Arbeiten befasst. In Summe sind das 13 Stunden, in denen ich mich ohnehin nicht mit dem Teil hätte befassen können. Die Mittagspause wird hier bei Trafo2 eigentlich immer im Team verbracht – gemeinsam Essen, quatschen und lachen. Wenn ich recht darüber nachdenke, habe ich eigentlich nur selten mal einen Kollegen in der Pause mit einem Handy in der Hand gesehen. Und während der Arbeitszeit hat das Dingen eh in der Tasche zu bleiben. Und nach Feierabend ist ja dann auch schon der Zeitpunkt gekommen, an dem ich es abholen kann.

Wenn man sich also dann final fragt „Kann ich 24 Stunden ohne mein Smartphone auskommen?“, so kann ich nun von mir behaupten: JA.

Wir sind zur heutigen Zeit so technik-verwöhnt, dass es für uns im ersten Moment unvorstellbar scheint, auf dieses schicke Multifunktionsgerät zu verzichten. Aber genau darüber nachgedacht, sind wir Menschen -schon alleine evolutionsbedingt- sehr anpassungsfähig. Die „1.-Welt-Probleme“, die meine heile Welt gestern Abend noch am Anfang so schwer erschüttert haben, haben mich in Summe gar nicht gestört. Gut, ich musste mich vielleicht etwas mehr als sonst mit meinem Mann unterhalten… Aber so übel ist er gar nicht. Scheint ein echt netter Kerl zu sein.. 😉

 

 

Comments (1)

  1. Schön geschrieben! Nach mehreren Tagen ohne Netz im Urlaub muss ich mir auch einmal ernsthafte Gedanken über eine monatliche Smartphone-Abstinenz machen. Am Anfang fällt das ja erschreckend schwer. Dann entdeckt man, dass es Bücher gibt und im Idealfall ein Gegenüber zum unterhalten und und und. Wir bräuchten sowas wie einen nationalen Ohne-Smartphone-Tag. Gerade für diejenigen, die mit iPhone und Co verwachsen zu sein scheinen. Wir organisieren das mal intern! Grüße von Ansgar Fulland

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